»Die Klaviermusik des Jazz«



von Martin Lücke


Die Entwicklung der Klaviermusik des Jazz muß aufgrund ihrer stilistischen Vielfalt in mehrere zeitliche Abschnitte untergliedert werden: I. Früher Jazz, II. Stridepiano, III. Swing und Boogie-Woogie, IV. Bebop sowie V. die Zeit nach 1950.

I. Das Klavier war für die Entwicklung vom Ragtime hin zum frühen Jazz, zum einen als Solo-, zum anderen auch als Ensembleinstrument von großer Bedeutung. In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war das Klavierspiel (bis zur Entwicklung des Rundfunks und des Fernsehens) eine Hauptform des häuslichen »Entertainments«. Sogenannte Player Pianos (mechanische Klaviere, die eine Papierrolle abspielten) eröffnetem dem Ragtime, eine der Vorformen des Jazz, erstmals ein breiteres Publikum. Gleichzeitig entwickelten Pianisten in New Orleans und anderen Städten des amerikanischen Südens die Harmonik und Struktur des Blues. Im Ragtime war das Klavier aufgrund seines perkussiven Charakters das Hauptinstrument und perfekt für den synkopierten Rhythmus geeignet. Während die linke Hand in gleichmäßigen Zählzeiten zwischen tiefen Baßnoten und Akkorden wechselte, spielte die rechte Hand synkopierte Figuren. Die stetige Wiederholung des Sprungs zwischen Baß und Akkord bildete auch die Basis für das spätere Stridepiano. Eines der bekanntesten Beispiele für die Charakteristik eines typischen Ragtime-Pianos ist Scott Joplins Maple Leaf Rag.

In der Entwicklung vom Ragtime zum frühen Jazz war die Umgestaltung und zunehmende Freiheit der linken Hand, die sich nun mehr linear bewegte, einer der Hauptaspekte des Klavierspiels. Zum gleichen Zeitpunkt wurde auch die rechte Hand freier gespielt, und die vorgegebenen Melodien wurden häufiger mit swingenden Achtelnoten und einer Akzentuierung vor oder hinter der Zählzeit der linken Hand aufgelockert. Den frühen Klavierstil entwickelte Earl Hines, der eine ungeheuere Originalität zum einen als Solist, zum anderen als Bandleader zeigte, bis zu seinem vollen Potential. Hines’ Solo bei dem Song Save it, pretty mama (1928, Okeh 8657) mit den Louis Armstrong Savoy Ballroom Five präsentiert einen ›walking bass‹, die Unterbrechung des steten Stride Rhythmus an musikalischen Höhepunkten und den melodischen Gebrauch von Achtelnoten in der linken Hand. Das Spiel der rechten Hand wird geprägt durch virtuose Sechzehntelläufe und Arpeggios, die einer konkreten musikalischen Idee entspringen und nicht einfach nur dekorativ gebraucht werden.

Innerhalb von Ensembles wurde das Klavier aufgrund seines perkussiven Charakters zum idealen Begleiter für die Holz- und Blechblasgruppe, konnte aber wesentlich freier agieren als andere Instrumente der Rhythm Section und fügte so dem Ensembleklang Verzierungen hinzu. Teilweise wurde das Klavier auch als zur Gruppe kontrastierendes Soloinstrument oder als Improvisationsinstrument eingesetzt.

II. Der sogenannte Stride-Stil, der an der Ostküste (Harlem School) entwickelt wurde und seinen Ursprung in den 1910er Jahren hatte, ist noch am meisten mit dem Spiel im Ragtime zu vergleichen. Seine Hauptprotagonisten waren Luckey Roberts, Willy »the Lion« Smith und James P. Johnson. Als Solisten waren ebenfalls Count Basie und Duke Ellington hervorragende Stride Spieler. Ein Hauptmerkmal des Stride ist nicht nur sein springender Baß (eine auf eins und drei gespielte Baßnote, sowie ein Akkord auf zwei und vier und ein weiterer dritter Schritt zwischen Baß und Akkord, dem so genannten stride), sondern in erster Linie das hohe Tempo und die Ausnützung des gesamten Klavierumfangs. Seinen Höhepunkt er-reichte dieser Stil mit Art Tatum, der verzierte Läufe, Arpeggien und ungewohnte Harmonien mit der Grundstilistik verband; seine Aufnahmen setzten Standards für spätere Pianisten (Tiger Rag, Decca 18051, 1940).

III. Während der Swingära wurde auch die Stilistik des Soloklaviers stetig ausgefallener. In Zusammenhang mit einem immer höher werdenden Grundtempo, bedienten sich viele Pianisten nur noch einfacher Akkorde sowie Einzelnoten und »lichteten« so das Spiel der linken Hand. Auch die rechte Hand spielte in dieser Phase häufig nur noch Einzeltöne. Einige Stücke Teddy Wilsons wie Between the devil and The deep blue sea sowie China Boy geben ein gutes Beispiel für die gewonnene »neue Einfachheit« im Swing. Auch viele Einspielungen von Count Basie sind ein gutes Beispiel für die Art der Verwendung des Klaviers sowie dessen Stil innerhalb eines Ensembles: u.a. Shoe Shine Boy, Evenin’, Boogie Woogie oder Lady Be Good.

Ungefähr zur selben Zeit entwickelte sich insbesondere im Süden Chicagos der sogenannte Boogie Woogie, eine Stilistik, die durch sich wiederholende, hämmernde Baßpattern, gewöhnlich mit Achtelnoten, basierend auf einem simplen zwölf-taktigen Bluesschema charakterisiert wird.

IV. Zu Beginn der 40er Jahre entfaltete sich während informeller Jamsessions (meist mit kleiner Besetzung) der Bebop (kurz: Bop) mit völlig neuen Harmonie- und Rhythmuskonzepten, die auch Auswirkungen auf die Spielweise des Klaviers hatten. Da aus dem Zeitraum von August 1942 bis Ende 1943 zumindest aus den USA keine kommerziellen Aufnahmen existieren, sind die ersten wichtigen Jahre des Bebop nicht auf Tonträgern dokumentiert. Zwei Stücke von Stan Kenton (Artistry in Rhythm und Eager Beaver) sind Beispiele für die musikalische Weiterentwicklung des Jazz-klaviers in der Frühphase des Bebop, das mit seiner Harmonik und Melodik ein Orchester imitierte. Zu dieser Zeit war es auch üblich, daß Jazzmusiker, deren Hauptinstrument nicht das Klavier war, dieses trotzdem erlernten und nutzten, um ansprechende Melodien oder harmonische Strukturen für ihre Soli besser auszuarbeiten zu können. Gerade in den 1940ern, als die Harmonik die Basis für fast alle neuen Entwicklungen im Jazz war, gehörte ein grundlegendes Verständnis des Klavierspiels für fast alle Instrumentalisten quasi verpflichtend dazu. Zwei Pianisten dieser Ära, die schon eher als Komponisten denn als Instrumentalisten gelten, Thelonious Monk und Tadd Dameron, haben das Klavier als ihr ganz eigenes Experimentierfeld ausgenutzt und stets neue Verbindungen aus Melodik und Harmonik hervorgebracht. Monks Stilistik läßt sich durch weit auseinander gezogene, fast nur angedeutete Linien charakterisieren, die lineare und vertikale Gestaltungsprinzipien miteinander verknüpfte. In der Auflösung der Phrase als Einheit und der Harmonie als funktionales System war er schon vor Beginn des Free Jazz weit gegangen, und als erster Jazzmusiker hatte er ein Gespür für spezifisch moderne ästhetische Werte wie Abstraktion, Reduktion, Verdichtung und Pause.

Neben der Harmonik war die Rhythmik ein weiterer Faktor bei der Entstehung des Bop Pianos und hatte einen großen Einfluß auf die gesamte Rhythm Section: So wurde die Gitarre durch die elektrische Verstärkung mehr und mehr zum Soloinstrument und veränderte die ganze Klangcharakteristik der Jazzband. Seinen Höhepunkt erreichte das Bop Piano mit dem Auftreten von Bud Powell, was u.a. bei dem Charlie Parker Song Ornithology von 1950 offensichtlich wird. Powell besaß mit sei-nem typisch hornartigen Klavierspiel einen bedeutenden Einfluß auf alle anderen Pianisten dieser Zeit.

V. Ab den 1950er Jahren muß die Weiterentwicklung des Jazzklaviers in zwei Komplexe unterteilt werden: in akustisches sowie in elektrisches Klavier. Jedoch beschränkten sich viele Pianisten nicht nur auf ein Instrument, sondern nutzten beide Möglichkeiten aus. In den 1950er Jahre begannen viele Pianisten durch beidhändige Akkordfortschreitungen die Blechblasgruppe einer Big Band zu imitieren, so auch Red Garland auf dem Miles Davis Quintett Album Round about Midnight. In den 1960er Jahren begannen viele Pianisten nicht mehr ausschließlich harmonisch bei ihrem Spiel zu denken. Bis dahin waren Melodien, egal ob komponiert oder improvisiert, harmonisch ableitbar. Das beste Beispiel für diese neue Art des Klavierspiels sind Aufnahmen von McCoy Tyner, u.a. auf dem John Coltrane Album Coltrane Jazz (Atlantic 1354, 1959/1960). Andere Pianisten verließen die Bop Stilistik noch weitaus radikaler und nutzen im Free Jazz Cluster, atonale Motivik, einen ungewöhnlichen Anschlag und ignorierten jeden durchlaufenden rhythmischen Puls. Lennie Tristano experimentierte mit diesen Stilistiken bereits Ende der 1940er Jahre (Intuition, Capitol 1224, 1949), doch war Cecil Taylor der beispielhafteste Musiker dieses neuen Stils. In den 1970er Jahren kombinierten Musiker Free-Jazz Techniken mit diatonischer Harmonik und einem lyrischen Anspruch des Klaviers, so auch Keith Jarrett auf dem Album Eyes of the Heart (ECMrecord 1150, 1976). Die Synthese von modernen und Bop Techniken, die sich ab den 1980er Jahren entwickelten, ist u.a. im Spiel von Michel Petrucciani erkennbar (Pianism, Blue Note 85124, 1985). Ein weiterer Fortschritt ist in der stetigen Evolution des Klaviers zum Soloinstrument zu erkennen, so vor allem bei Oscar Peterson. Auch die Etablierung des Einze-noten Basses bzw. walking bass in der linken Hand gab den Pianisten einen neuen Wirkungskreis.

Mitte der 1950er Jahre begann auch die allmähliche Expansion des elektrischen Klaviers im Jazz. Das sogenannte Rhodes (gebaut von Harold Rhodes und Leo Fender) war Mitte der 60er Jahre in größerem Stil verbreitet, und insbesondere die Entstehung des Fusion Jazz wäre Ende der 60er Jahre ohne das elektrische Klavier und dessen gitarrenähnliche Nutzung kaum denkbar gewesen. Erwähnt werden müssen einige der damals führenden Instrumentalisten: Joe Zawinul, Herbie Hancock oder Chick Corea. Während viele Pianisten immer wieder zwischen akustischem und elektrischem Klavier wechselten, gehört der Österreicher Joe Zawinul bis heute zu den Musikern, die ausschließlich ein elektronisches Instrumentarium nutzen.

Die heutige Jazzszene verfügt über so vielfältige stilistische Einflüsse aus allen Genres, daß es schwer fällt, einzelne Klavierstile herauszufiltern und in den Mittelpunkt zu stellen. Bis in die 1960er Jahre verlief die Jazzentwicklung auf einer klaren, verbindlichen Fortschrittslinie. Spätestens seit den 1980er Jahren existieren nun zeitgenössische und traditionelle Spielformen und außerhalb des Jazz liegende musikalische Mittel gleichberechtigt nebeneinander, miteinander und beeinflussen sich zum Teil gegenseitig.

Hinsichtlich der Besetzung ist neben dem Solo-Jazzklavier und den typischen Jazzformationen Quartett und Quintett insbesondere auf das Klaviertrio hinzuweisen, das zu den häufigsten Formationen zählt, meist mit Baß und Schlagzeug, gelegentlich aber auch – nach Vorbild des Trios von Nat »King« Cole – mit Gitarre und Schlagzeug. Seit der Zeit des Bebop haben unzählige Klaviertrios die Entwicklung des Jazz maßgeblich mitbestimmt.


Literatur:

W. Moser, Die Entwicklung des Pianos im Jazz, Salzburg 1981 • B. Taylor, Jazz piano: a jazz history, Dubuque 1983 • L. Koch, Piano, in: NgroveDJ, London 1995, S. 977–985 • L.S. Lyons, The great jazz pianists, New York 1989 • F. Krieger, Jazz-Solopiano: zum Stilwandel am Beispiel ausgewählter „Body And Soul"-Aufnahmen von 1938–1992, Graz 1995 • M. Kaufmann, Die historische und stilistische Entwick-lung des Jazz Piano von den Anfängen bis zum Free Jazz, Graz 1996 • B. Vécsei, Das Jazzklavier, Wien 2000 • C. Dürer, Gespräche mit Jazz-Pianisten. 54 Interviews und Porträts, Düsseldorf 2003.


(Abdruck nur mit Genehmigung des Verfassers)


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